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KHEMMIS: Deceiver

Freunde! In dreieinhalb Wochen ist Weihnachten. Ihr wisst schon: Geschenke, Familie, Opa spielt den Weihnachtsmann und die Gans liegt schwer im Magen. Und natürlich Zeit, die Alben des Jahres zu küren. Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der viele Menschen verzweifeln, sich ihrer Einsamkeit bewusst werden, in der alle Lebenskrisen doppelt intensiv durchbrechen. Es ist traurige Gewissheit, an Statistiken überprüfbar: In keiner anderen Zeit des Jahres begehen so viele Menschen Selbstmord. Und da hätte ich den richtigen Soundtrack für beide Anlässe: einen Favoriten für das Album des Jahres. Und für die dunklen Momente, in denen man in sämtliche Abgründe schaut. Und Trost braucht, indem man sich ganz tief in Moll badet, um dann doch nicht zu verzweifeln.

Das Album, Ihr ahnt es schon, ist „Deceiver“ von KHEMMIS. Seit 2012 versorgen die Doom-Metaller aus Denver die Melancholiker und Gebrochenen dieser Welt mit dem idealen Soundtrack für ihre Schwermut. Ohne psychische Abgründe ist diese Band nicht zu fassen. Aber da ist mehr: Schönheit, Eleganz. Vielleicht Trost? Abwechslungsreichtum. All das servieren KHEMMIS auch auf ihrem vierten Album, das – wie der Vorgänger – via Nuclear Blast erschienen ist. Und sie nähern sich immer mehr der Perfektion.

KHEMMIS bieten Hymnen für Melancholiker – und Headbanger

Sechs Songs ist das neue Album schwer. Und zunächst erst einmal ein schwarzes Freudenfest für all jene, die Doom Metal in seiner virtuoseren Form schätzen. Nein, keine dumpf groovenden, eintönigen Songs mit tonnenweise Distortion. Dafür sind KHEMMIS nicht zu haben. Sie mögen es raffiniert, majestätisch, progressiv. In diesen sechs Songs passiert sehr viel. Sie nehmen allerlei Wendungen und brechen mit herkömmlichen Song-Schemata. Das hier ist eine Entdeckungsreise: eine, die durchaus Aufmerksamkeit und Feingefühl erfordert, um dem Album Herr (oder Dame) zu werden.

Da wäre der sehr gekonnte, durchaus virtuose Klargesang von Frontmann Ben Hutcherson. Einer, der es mit den Größen des Genres aufnehmen kann: Robert Lowe von SOLITUDE AETURNUS, Markus Becker von ATLANTEAN CODEX (Ja sicher, sie gehören mittlerweile dazu); auch mit so manchem Power-Metal-Sänger, wo ein Mindestmaß an Stimmvolumen einfach zum guten Ton gehört. Eine Stärke der Band: Der Gesang sorgt für diese einschmeichelnden, melodieverliebten Momente. Er mag nicht ganz über das Stimmvolumen eines DIO verfügen: aber Dringlichkeit, Emotionalität und Ausdrucksstärke sind da. Er hat sich im Laufe der Band-Historie beständig verbessert.

Und da wären die Gitarren. Neben Hutcherson ist hierfür Phil Pendergast zuständig. Auch diese kommen auf „Deceiver“ melodisch, durchaus virtuos, stimmungsvoll daher. Es geht nicht nur um Schwere. In anderen Rezensionen werden IRON MAIDEN, THIN LIZZY, DARK TRANQUILLITY als Referenzen ausgewiesen. Doppelläufig, mit Brüchen. Es gibt stimmungsvolle Akustik-Passagen: So wie im Opener „Avernal Gate“, der mit melodischem Akustik-Spiel eröffnet. Schön und einnehmend. Nur, um dann in einem wilden Ritt auszuarten, der eben nicht mit Doom-Standards verrechenbar ist: eher an den Death Metal des Göteborg-Sounds erinnert. Auch diese Bands haben sich an Klassikern wie THIN LIZZY orientiert. Reitend, treibend, dennoch höchst melodisch. Natürlich gibt es auch den Nackenbrecher-Doom in seiner herkömmlichen Form: tiefe, fett groovende Riffs, die kein anderes Ziel haben, als dich zu zermalmen. Distortion.

Aber eben nicht nur. Schon „Avernal Gate“ zeigt, wozu die Band fähig ist. Da ist eine melodische Strophe, die den wilden Ritt mit ordentlich Harmonie zähmt. Da ist ein einprägsamer, infektiöser Refrain. Da sind Melancholie und Stimmung. Und Breaks, Soli, progressive Momente: die verhindern, dass diese Nummer zu leicht ausrechenbar ist. Da ist Reife im Songwriting.

Keine „typischen“ Metal-Klischees?

Und da sind vor allem auch Texte, die nicht den üblichen Metal-Klischees entsprechen wollen. Keine Conan-der-Barbar-Lyrics, kein „Iron Man“. Bandkopf Benjamin Hutcherson ist nicht hauptberuflich Metaller und Headbanger: Er lehrt als Dozent Soziologie an der Universität in Colorado. Schwerpunkt: Wie ökonomische Zwänge die moderne Stadt verändern, soziale Widersprüche in der US-amerikanischen Gesellschaft, Subkulturen. Seine Dissertation hat er tatsächlich über die Metal-Szene in Denver geschrieben. Kann man machen.

Und so findet sich auch vieles von Hutchersons Interessen in den Lyrics: Texte, wie er selbst sagt, die soziale Widersprüche spiegeln, der Versuch des Individuums, sich in unwirtschaftlichen Verhältnissen zu behaupten, auch biographische Momente: Der Kampf gegen Depressionen, mit denen er selbst in Zeiten der Corona-Krise konfrontiert gewesen ist. Er teilt sich die Lyrics mit Phil Pendergast, der von sich sagt:

„Alle Texte, die ich zu schreiben versuche, spiegeln wider, wo ich in meinem Leben stehe und womit ich mich beschäftige. Sie waren schon immer sehr persönlich für mich, und in den letzten anderthalb Jahren haben wir wirklich eine turbulente Zeit durchgemacht. Politisch gesehen verändert sich die Welt in einer Weise, die sehr beunruhigend ist, und auch in unserem persönlichen Leben hatten wir als Band eine Menge Verluste und Trauer zu ertragen.“ Es ist eine Innenschau, eine Betrachtung des politischen Status Quo: die aber, das muss man sagen, höchst verklausuliert und auch reflektiert daher kommt. Man bewegt sich hier auf der Meta-Ebene: ein Quäntchen Gesellschaftstheorie inbegriffen.

An dieser Stelle muss ich doch mal dazwischen haken, um die Szene zu verteidigen: Gerade im Epic-Doom sind die „klassischen“ Metal-Klischees nicht so stark vertreten. Sensibilität und Selbstspiegelung gehörten immer schon dazu, Exkursionen ins Seelen-Labyrinth. Zwei Beispiele: „Solitude“ von CANDLEMASS (1986) ist ein Song über Vereinzelung und Isolation, auch „Die Healing“ von den Berserkern SAINT VITUS (1995) thematisierte psychische Extrem-Zustände, innere Isolation.

Bands wie KATATONIA haben die psychologische Innenschau zur Kunstform erhoben: klug, sensibel. Es geht um das Individuum in der Großstadt, wie schon die Videos der Schweden aufzeigen (da ist keine Weltflucht, keine schwärmerische Verklärung!). Und auch „War Pigs“ von BLACK SABBATH (1970) war einer der eindringlichsten, gesellschaftskritischsten Anti-Kriegs-Songs, die die Rock-Musik je hervorgebracht hat. Mein Gott: Lasst doch diese Musik nicht naiver erscheinen, als sie ist!

Dennoch möchte man Hutcherson zustimmen, wenn ihn laut.de zitiert: “Es kotzt mich echt an, wenn Bands nur Fantasy-Geschichten erzählen. Ich persönlich finde, Vocals sollten die Seele und das emotionale Gewicht der menschlichen Existenz kommunizieren – wie auch immer diese Emotionen geartet sein mögen. Um eine gute Gesangs-Performance hinzulegen, brauche ich Texte, an die ich glaube und die mir etwas bedeuten. Ich weiß, dass Lyrics im Metal eher eine untergeordnete Rolle spielen, aber mich nervt echt, wenn die Hörer sie nicht beachten.” Da hat er einen Punkt: Weil es eben immer noch zu viele Acts gibt, die über Ritter, Prinzessinnen und Drachen singen.

Mächtige Songs, emotionale Momente

Und so ist auch „Deceiver“ ein mächtiges Statement dessen, was Metal heute sein kann und darf. Klug, reflektiert: ein Thema für die Feuilletons der Süddeutschen Zeitung und für ein Feature bei ARTE. Wenn man der Band etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass sie zu verkopft musiziert. Auch im Sound. Nein, das ist kein Vorwurf, wenn all das so gelungen und überzeugend präsentiert wird wie auf diesem Album.

Song Numero Zwei, „House of Cadmus“, ist dann Beleg dafür. Eröffnet mit einem progressiven Bass-Riff, schwer groovend und mit komplexen Rhythmen. Nur, um dann eben wieder diese infektiösen Momente auszupacken: eine tolle Melodie, heavy Doom-Gitarren, ein Überschuss an Epic-Erhabenheit, den aktuell wenige Bands in dieser Qualität abliefern können. Vergifteter Zucker für die Ohren: „Dies ist das Gespenst, das durch meine Träume kriecht/ Blasphemie, geboren in meinem Knochenmark/ Eine Linie, die an den Nähten zerbrochen und zerrissen ist/ Jetzt entkleidet und angekettet/ Ich verbrenne die Überreste!“, singt Hutcherson im Refrain. Er will sich von seinen Dämonen befreien. Durchaus berührend. Und die Gitarren: malen melancholische Stimmungsbilder, zwischen alten PARADISE LOST und Göteborg. Toll!

Erst Melancholie, dann Arschtritt

Das nächste Highlight kommt zugleich: „Living Pyre“, Song Numero Drei. Wieder so eine erhabene, mächtige Melodie. Wieder ein guter Refrain. Melancholie, Emotionen und Atmosphäre. Und gutturale Death-Shouts im Mittelteil: Ist für diese Shouts Co-Texter und Songwriter Phil Endergast zuständig? Ich weiß es nicht. Funktioniert aber wunderbar. Du wirst in diese harmonieverliebte Stimmung hineingezogen, du fühlst dich sicher und geborgen: Dann gibt es einen fetten Arschtritt, weil KHEMMIS plötzlich den Knüppel auspacken, in Death-Metal-Gefilde abbiegen. Nur, um dich anschließend wieder mit süßen Harmonien in den Arm zu nehmen, das Ohr zu schmeicheln. Groß! Ein Säurebad der Gefühle.

Man denkt, das ließe sich schwer steigern, man hat jetzt die Highlights des Albums schon miterlebt. Aber stimmt halt nicht, weil jeder Song ein eigenes Gesicht zeigt. Na ja, mit Fußnote: Hatte ich schon die Prog-Götter OPETH erwähnt? Hört Euch „Shroud of Lethe“ an: Mikael Åkerfeldt hätte wirklich nichts dagegen, wenn der Song auch auf einem seiner Alben zu hören gewesen wäre.

Wieder melodische Leads, wieder sehr berührende Momente. Wieder ein Refrain, der erhaben ist. „Wie kann ich sühnen und den Schmerz wegwaschen?/ Ich kann den Erinnerungen nicht trauen, die mich in die Irre führen/ Dennoch halte ich an dem fest, was ich weiß, obwohl es Lügen sind/ In Stein geschrieben/ Ich grabe im Schnee,/ meine Hände sind erfroren und wund,/ Nicht länger kalt!/ Eingeschlossen in einem kristallinen Grabmal der Erinnerung“, singt Hutcherson. Im Interview mit „Deaf Forever“ hat er behauptet, dass seine Texte eher unverschlüsselt und direkt herüber kommen. Ey, was verstehst du an „Metaebene“ nicht? Mehr Symbolhaftigkeit geht doch nicht! Es sei dir verziehen, wenn du so gute und berührende Songs schreibst.

„Kopflastig“ bedeutet nicht: ohne Emotionen und Heavyness

Das Spannende an diesem Album nämlich ist: So klug, verschachtelt und kopflastig es daher kommen mag (mein Gott, versteht mich nicht falsch, all das ist großartig! Ich bin Progressive-Fan!), so wunderbar ist es auch. So heavy, so vielseitig. Es ist ein Album für Headbanger: vielleicht mehr noch als das neue Werk von MASTODON, das auf ähnliche Weise Komplexität mit Heavyness verbindet. Absolut berechtigt wurden KHEMMIS im neuen Metal-Hammer (die BILD für Metal-Fans? Sorry, liebe Kollegen!) Album des Monats. Hier gibt es alles, was das Metaller-Herz begehrt: tolle Melodien. Virtuosität. Fette Riffs. Einen grandiosen Sänger. Und ja: Emotionen. Viele Emotionen! Es ist massiver, sensationeller Epic-Doom: auch wenn er im Nadelstreifen-Anzug daher kommen mag.

Bestes Beispiel: Der abschließende Track, „The Astral Road“. Hier bündelt die Band all ihre Qualitäten. Heavyness, Harmonie, Melancholie. Pure Erhabenheit in mehr als acht Minuten. „Es gibt nichts mehr, was auf uns wartet/ Ich bin gebrochen, aber ohne Scham/ Risse in den Mauern erleichtern die Nacht für uns alle/ Aber wir warten und verstecken uns vor dem Schmerz“, singt der Soziologe Hutcherson. Metal als eindringliches Erlebnis: und – bei aller Eigenständigkeit – eine Verbeugung vor den Qualitäten des Epic Doom, des Heavy Metal, des Death Metal. Hier grooven die Gitarren tatsächlich in klassischer NWOBHM-Manier. Lasst uns die emotionalen und metatheoretisch-erhabenen Momente des Metal umarmen! Ein Highlight des nicht mehr ganz so jungen Jahres.

Veröffentlicht: 19. November 2021

Label: Nuclear Blast Records

Homepage: https://khemmisdoom.com/
Mehr im Web: https://www.facebook.com/khemmisdoom/

KHEMMIS “Deceiver” Tracklist:

1. Avernal Gate
2. House of Cadmus (Video bei YouTube)
3. Living Pyre (Video bei YouTube)
4. Shroud of Lethe
5. Obsidian Crown
6. The Astral Road

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