Categories
Uncategorized

Jahresrückblick 2020 von Markus

2020 – ein verrücktes Jahr. Aus musikalischer Sicht barg es allerdings die ein oder andere positive Überraschung. Wobei mir gerade auffällt, dass mir immer mehr einzelne Fetzen als ganze Alben in den Sinn kommen. Liegt das an dem an sich total verfahrenen Jahr? Oder an meinen geänderten Hörgewohnheiten dank des inzwischen allgegenwärtigen Spotifys, mit seinem Release Radar, den auf meinen Geschmack zugeschnittenen Mix Tapes und Band Radios? Ich weiß nicht wie ich das finden soll. Verliert das Album an sich (für mich) an Wert oder täusche ich mich? Ich werde es 2021 beobachten.

Diese Alben sind mir aber dennoch im Ganzen in guter Erinnerung geblieben.

DOOL: Summerland
Dunkler Rock mit Doom- und Prog-Ansätzen trifft nicht zuletzt durch den tollen Gesang von Sängerin Ryanne Van Dorst mitten ins Herz. Ein wunderschönes Album.


JACK FROST: The Great Dying (EP)
Ganz ehrlich: So richtig viel habe ich nicht erwartet. Die Linzer Gloom Rock Bastards JACK FROST mochte ich immer sehr gerne, mit den letzten Alben haben sie mich aber etwas verloren. Umso schöner, dass sie zum Jahresende noch mit einer richtig guten EP ums Eck kamen.

FAIRIES WITH FANGS: Thanks For The Fangs!
“Woher kommen diese bezaubernden Feen denn da plötzlich angeschwebt?” fragte ich im Review zu “Thanks For The Fangs” – um kurz darauf festzustellen, dass diese bissigen Feen im gleichen Proberaum-Komplex wie ich mit LEADEN TIMES probten – Sachen gibt’s! Das Debüt der Stuttgarter ist immer noch eines der Highlights des Jahres für mich.

KATATONIA: Dead Air
KATATONIA sind eine der Bands, die über die Jahre immer weiter gewachsen und gereift sind. Zeigte bereits das ’96er-Album “Brave Murder Day” die Klasse der Band, überrascht “Dead Air” vierzehn Jahre später auf eine ganz andere Art: Viel besser kann man die Stimmung des Jahres 2020 musikalisch nicht  einfangen. Zerbrechlich, warm, perfekt – und doch einsam und steril im leeren Raum schwebend – “Dead Air” ist eine Live-Studio-Session ohne Publikum – und wirkt wie eine Radiosendung der letzten Überlebenden des Planeten, in der Hoffnung, doch noch irgendwo jemanden zu erreichen, der sich an der Musik erfreut…  “Dead Air” ist beklemmend und schön zu gleich.

NAPALM DEATH: Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism
Wer hätte gedacht, dass mich NAPALM DEATH mit einem neuen Album nochmal überraschen können? Ich nicht! Starkes, überraschendes, sechzehntes Album der Grindcore-Legende.

SOILWORK: A Whisp Of The Atlantic
Die neue SOILWORK habe ich mir noch gar nicht so oft angehört, aber das Teil ist großartig, so viel erkenne ich schon. Wird in den nächsten Tagen definitv noch häufiger in die Playlist wandern…

PARADISE LOST: Obsidian
PARADISE LOST sind einfach großartig. “Obsidian” macht da keine Ausnahme. Die Briten zeigen sich musikalisch kompakt, songwriterisch brillant und haben wieder die genau richtige Mischung aus Melodie, schwerem Metal und ganz viel Seele. Alleine das genial-schwermütige “Fall From Grace” wäre den Kauf des Albums wert.

SODOM: Genesis XIX
Yeah, einmal wieder wie mit 16 fühlen! SODOM schicken mich auf eine Zeitreise zurück in meine Thrash-Anfangstage. Der verklärte Blick in die späten 80er würde “Genesis XIX” aber nicht gerecht werden, ist das Album doch weit mehr als ein angestaubter Blick zurück. SODOM klingen auch 2020 noch knackig und frisch!

DARK TRANQUILLITY: Moment
Die Schweden schaffen es auch 2020, einen Schritt weiterzugehen, ohne dabei ihr bisheriges musikalisches Schaffen unterwegs zu verlieren. So riiiichtig hat mich “Moment” noch nicht gekriegt, das Album braucht aber definitiv auch seine Zeit und will erobert werden. Dann nehm’ ich mir die halt!

DÉCEMBRE NOIR: The Renaissance Of Hope
DECEMBRE NOIR kommen zum Jahresende nochmal mit richtig schwerer Kost ums Eck. Nicht nur musikalisch, sondern auch textlich. Worum es geht? Schaffi hat das Album in seiner Kritik perfekt beleuchtet, dem kann ich nicht viel Sinnvolles hinzufügen. Außer, und das ist wirklich als ernstes Kompliment gemeint, dass man der Band nicht anhört, dass sie aus Deutschland kommt. Hätte ich das nicht gewusst, hätte ich am ehesten auf Schweden oder Großbritannien getippt. Hier ist Schaffis Review.

LIK: Misanthropic Breed
LIK schaffen etwas Erstaunliches: und zwar schaffen sie es, dem einzig wahren Schweden Death Metal-Gitarrensound noch eins drauf zu setzen. Keine Ahnung, wie lange man im Studio tüfteln muss, um dem perfekten BOSS HM-2-Sound (der ist nun mal simpel und genial: alle vier Regler der Tretmine auf 11!) noch ein paar Sägezähne mehr zu entlocken. Kompliment dafür! Die Marschrichtung ist damit also klar und LIK liefern ein erfrischend räudiges, kurzweiliges Death Metal-Spektakel ab.

Jetzt frage ich mich, welche Alben ich in meiner Auflistung wohl vergessen habe. Man möges es mir verzeihen. Eines darf auf jeden Fall nicht fehlen:

SIX FEET UNDER: Nightmares Of The Decomposed
SIX FEET UNDER sind echt spaßige Gesellen. Denn es gehört richtig viel Mut dazu, solch eine Death Metal Parodie abzuliefern. Ach, das ist gar keine Parodie, das ist erst gemeint? Öhm… ich muss weg!

Auch in diesem Jahr bleibe ich meiner Linie treu und ignoriere einfach die Musik, die mir nichts gibt. Eine Sache fand ich aber tatsächlich so unnötig und enttäuschend, dass ich sie hier erwähnen möchte: IN FLAMES verpassen mit der Neu-Aufnahmen von “Clayman” ihrem eigenen Klassiker eine kräftige Ohrfeige. So etwas Unnötiges und uninspiriertes! So etwas macht man einfach nicht. Zumal das Original vor zwanzig Jahren schlicht PERFEKT war.

DISILLUSION haben am 25. Januar im Sudhaus in Tübingen ordentlich vorgelegt – dass dieser Abend das einzige nennenswerte Live-Erlebnis des gesamten Jahres für mich werden sollte – damals kaum vorstellbar. DISLLUSION zeigten sich mit ihrem neuen Schwergewicht “The Liberation” im Gepäck selbstbewusst und in bester Spiellaune, es ist einfach große Kunst, was die Leipziger machen.  Dazu passte auch gut die Vorband ART AGAINST AGONY mit ihrem sehr eigenwilligen Auftritt.

Als Live-Stream gefallen haben mir noch DAS LUMPENPACK, nochmal DISILLUSION und die ergreifende “Up North”-Session von BORKNAGAR. Wobei das eben nicht das Gleiche ist. Ich brauche den Schweiß, die Lautstärke, das Licht – das Erlebnis, Teil des Ganzen zu sein…

…holen wir ’21 auf jeden Fall nach – mit einem fetten vampster-Team-Treffen in der Waldhütte – unser jährliches vampster-Treffen ist ja leider ausgefallen. Ansonsten freue ich mich sehr, mit Frank Kuhnle und dem Captain Chaos nach mehrjähriger Pause zwei alte vampster-Hasen wieder zurück im Team zu haben. Und Fierce hat nach neun Jahren ebenfalls mal wieder ein Review verfasst. Irgendwann kommen sie alle zurück! ;). Generell ist die Stimmung im Team gerade sehr gut, es macht richtig Spaß mit euch!

2020 hat mich eins gelehrt: Egal, wie groß die Probleme sind, egal, was passiert – es geht weiter! Das mag jetzt nach Kalenderspruch klingen, trifft es für mich aber tatsächlich. So buche ich 2020 als außergewöhnliches Jahr ab, in der Hoffnung, 2021 wieder auf Konzerten rumspringen zu können, Bands zu fotografieren und vor allem unser vampster-Team mal wieder “live” sehen zu können.
Und Abseits der Musik: Enttäuschend finde ich tatsächlich, wie schwer sich unser Bildungssystem und unsere Wirtschaft immer noch – im Jahr 2020! – mit der Digitalisierung tun. Wie lange gibt es das Internet jetzt, 30 Jahre? Wie lange machen wir vampster, ausschließlich “online” – mit einem funktionierenden Team, über mehrere Länder verteilt? 21 Jahre? Und: Wo genau ist das Problem? Gut, das ist eine rhetorische Frage – die Probleme kenne ich gut, ist es doch Teil meines Jobs (also der, mit dem ich Geld verdiene), “zu digitalisieren”, die Probleme sind in der Regel nicht die Soft- oder Hardware, sondern das Verständnis dafür, was solch ein Wandel mit sich bringt – und der Wille zur Veränderung. Wo ist der? Was ist da in den letzten Jahren nur passiert? Warum entwickelt es sich gefühlt eher in eine andere Richtung, wird vieles träger, bequemer, egaler? Warum bin ich skeptisch, dass sich ’21 viel daran ändern wird, obwohl wir alle Werkzeuge zur Hand haben? Das enttäuscht mich tatsächlich. Vor allem, wenn man weiß, wie vieles mit wie wenigen Mitteln möglich wäre. Aber, um den Bogen zu schließen: Egal, was passiert, es geht weiter…

Mit Chi Pig starb im Juli der Sänger der kanadischen Hardcore-Band SNFU und damit ein wichtiger Teil meiner musikalischen Jugend. Die Konzerte von SNFU waren immer voller Energie, immer etwas Besonderes und Chi Pig war eine schillernde Persönlichkeit selbst innerhalb der alternativen Punk/Hardcore-Szene. Dramatisch war für mich, mit anzusehen, wie der einstmals sportliche und durchtrainierte Frontmann über die Jahre immer mehr abbaute. Ich werde nie vergessen, wie er noch in den 90ern auf Boxentürme und Bühnenaufbauten kletterte und mit wahnsinnig viel Power singend durch die Gegend sprang (habe gerade tatsächlich das SNFU Video aus der Alten Feuerwache in Stuttgart von 92 entdeckt, bei dem ich war – geil! (inkl. erstem Sprung von der PA nach dreieinhalb Minuten :p)). Auch nicht, wie ich beim Konzert 2009 in Günzburg im Publikum auf SNFU wartend eine Hand auf meiner Schulter spürte und einen anerkennenden Blick für mein altes SNFU-Shirt von Chi bekam, bevor er auf die Bühne kletterte und mit dem Auftritt begann. SNFU waren immer anders, Chi Pig offenbar immer auf der Suche. Leider hat er den falschen Abzweig erwischt und war in den letzten Jahren von harten Drogen stark gezeichnet und nur noch ein Schatten seiner selbst.
Danke für viele tolle Erinnerungen und deine Musik, die mich früher so berührt hat, Chi!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *